Audax Randonneurs Allemagne Gießen

Ingo Wassermann berichtet vom Audax Randonneurs Allemagne mit Start in Gießen:

600 km! „...mit dem Fahrrad? ...am Stück?? ...bist du verrückt, geisteskrank, gestört???“

Solche und ähnliche Kommentare bekam ich zu hören, wenn ich im Vorfeld von meiner Idee, 'mal etwas länger' fahren zu wollen, um mich für Paris-Brest-Paris zu qualifizieren, erzählt habe.

Doch der Reihe nach. Sportlich schon immer aktiv, bin ich 2009 zum Triathlon gekommen. Ohne auch nur den Hauch einer Chance, vorne mitzuspielen, habe ich (fast) alle möglichen Distanzen ausprobiert und zumindest im Sprint und Jedermann schon mal in meiner Altersklasse auf dem Treppchen gestanden.

Durch meinen Arbeitgeber bekam ich 2020 die Chance, ein gutes Rennrad leasen zu können. Vor-Pandemie-bedingt konnte ich sogar alles nach Wunsch konfigurieren und habe mir so mein Traum-Bike zusammengestellt. Dadurch habe ich lieber, länger und öfter auf dem Rad gesessen als je zuvor. Jeden Monat einen Grand Fondo, das erste Mal 200 km am Stück, Höhenmeter, Feldbergkönig, noch mehr Höhenmeter, Bimbach 400 und noch mehr Höhenmeter...

Durch Zufall hörte ich vom ARA, dem Audax Randonneurs Allemagne, deutscher Ableger des Audax Club Parisien und dem legendären Fahrradmarathon Paris-Brest-Paris, der seit 1891 alle vier Jahre stattfindet. Wie es der Zufall will, das nächste Mal 2023, also im kommenden Jahr.

Hierbei handelt es sich ausdrücklich um kein Rennen, auch wenn die Strecke von 1200 km mit ihren mehr als 10.000 Höhenmetern innerhalb von 90 Stunden zurückzulegen ist.

Die Anmeldung wird in Wellen freigeschaltet; wer im Vorjahr mindestens ein 600 km Brevet (also eine für alle Teilnehmer unter gleichen Bedingungen durchgeführte Prüfung) gefahren ist, darf sich zuerst anmelden, wer ein 400 km Brevet absolviert hat, in der zweiten Welle, mit einem 300 km Brevet in der dritten Welle und mit einem 200 km Brevet in der vierten Welle. Um mich also sicher anmelden zu können, musste ein 600 km Brevet her!

Das 200er war im März, und Schnee und Eis haben mich von der Teilnahme abgehalten.

Das 400er mussten wir abbrechen, weil mein Mitfahrer nach 250 km drei von vier Kettenblattschrauben verloren hat.

Das 300er in Nordbayern haben wir gemeinsam in einer Zeit von 10 Stunden 38 Minuten mit einem guten 28er Schnitt gerockt.

Ready für die 600? Auf jeden Fall! Oder...?

Als Termin war der 25. Juni 2022 vorgesehen, der Start um 08:00 morgens. 40 Stunden Zeit zu fahren und alle Kontrollpunkte und das Ziel innerhalb der vorgegebenen Limits zu erreichen, also bis Sonntagnacht 24:00.

Was nehme ich mit? Was braucht man für 600 km auf dem Rad? Wie viel Gewicht bin ich bereit über die Berge zu treten?

Das Wetter sollte gut werden, also keine Regenklamotten, Überzieher und andere schweren Sachen. Zelt, Isomatte, ach was! Parkbank tut's auch. Oberrohrtasche, Arschrakete, Sommerschlafsack, Wechselset, Windjacke, Merinoshirt, Badelatschen, Licht, Powerbank, Reflektorweste, Gels, Iso-Tabletten, Versicherten- und EC-Karte, Bargeld und viiiel Magnesium.

Alle 100 km eine 400 mg Dosis Magnesium sollten mich vor Krämpfen schützen, was auch ziemlich gut funktioniert hat.

Mit 105 kg Systemgewicht (Fahrrad, Fahrer und Gepäck) ging ich an den Start.

Pünktlich am Samstagmorgen um 08:00 gingen knapp 30 Starter in Gießen auf die Strecke Richtung Norden durch Marburg und Frankenberg bis nach Korbach, wo nach 96 km der erste Kontrollpunkt zwischen 10:49 und 14:24 zu erreichen war. Mit 11:18 lag ich gut in der Zeit.

Weiter nach Norden bis bei Kilometer 227 in Rinteln die zweite Kontrollstelle zwischen 14:44 und 23:08 anzufahren war. Auch hier war mit 16:35 alles bestens.

Auch die nächsten beiden Kontrollpunkte in Golmbach (Kilometer 286) und Osterode (Kilometer 353) wollte ich noch vor einer Übernachtungspause anfahren, damit ich den fünften Kontrollpunkt bei Kilometer 404 innerhalb der zulässigen Zeit bis 10:56 erreiche (tatsächlich war ich dann um 06:13 dort).

Gegen Mitternacht habe ich hinter Herzberg am Harz tatsächlich eine Parkbank gefunden, die für sagenhafte 4 Stunden mein Zuhause sein sollte. An Schlaf war nicht zu denken, dank des vielen Koffeins und der Eindrücke der letzten 365 km. Aber zumindest mein Körper konnte etwas entspannen. Das war auch dringend nötig, nachdem ich ab Kilometer 300 nicht mehr in den Wiegetritt gekommen bin, aufgrund von Schmerzen im linken Knie.

...Um 03:00 ging die Straßenlaterne über mir an, kurz darauf fing der Nachbarshahn an zu krähen... Also wieder zusammenpacken und ab aufs Rad!

Belohnt wurde ich mit einem wunderschönen Sonnenaufgang und einer noch frischen, aber atemberaubenden Abfahrt bis zum Kontrollpunkt Nr. 5 in Leinefelde Worbis.

Hier habe ich Martin getroffen, den ich am letzten Abend in Einbeck bei Kilometer 316 überholt hatte und der nicht damit gerechnet hatte, mich nochmal zu sehen. Die letzten 197 km mit über 2300 Höhenmetern sind wir dann zusammen in 11 Stunden und 25 Minuten gefahren, wobei wir noch einige Pausen, nicht nur an den Kontrollpunkten, eingelegt hatten. Hier wurde es richtig zäh.

Am Ende waren es knapp 602 km und 5734 Höhenmeter. Insgesamt war ich 33 Stunden und 38 Minuten unterwegs, die reine Fahrtzeit betrug 25 Stunden und 7 Minuten, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 23,9 km/h entspricht.

Glücklich, aber ziemlich kaputt habe ich die Tour überstanden. Die Schürfwunden am rechten Knie und Arm sowie Prellungen von einem Sturz noch vor der ersten Kontrollstelle sind in den nächsten Tagen fast vollständig abgeheilt. Die Schmerzen im linken Knie sollten mich noch etwas länger begleiten. Aber das Sitzen auf dem Sattel ging nach einer Woche schon wieder relativ gut; innerhalb von zwei Wochen hatte ich bereits die nächsten drei Grand Fondos absolviert. Das Kaloriendefizit hatte ich schnell ausgeglichen, die muskuläre Erschöpfung war zwar groß, aber nicht wesentlich größer als bei einem 200er.

Die Homologation (Erteilung einer Genehmigung) für die Anmeldung für Paris-Brest-Paris 2023 habe ich nun erreicht. Um tatsächlich mitfahren zu dürfen, muss ich allerdings bis 01. Juli 2023 die komplette Serie (200 km, 300 km, 400 km, 600 km) noch einmal fahren.

Wahrscheinlich werde ich dann zu hören bekommen: 1200 km! ...mit dem Fahrrad? ...am Stück?? Du BIST verrückt!

Seit kurzen bin ich Mitglied beim VC-Racingteam Darmstadt und hoffe, nicht nur auf der Bahn trainieren zu können, sondern auch an der einen oder anderen Ausfahrt teilnehmen zu können und interessante Trainingsimpulse zu bekommen.

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